27.03.2014

Wohlklingender Hauch der Geschichte

Konzert “Aurelianer” interpretieren Renaissance-Musik aus Irsee intensiv

Allgäuer Zeitung / Kultur am Ort / 27.03.2014

VON MARTIN FREI

Ein Hauch der Geschichte umwehte die zahlreichen Zuhörer in der Irseer Klosterkirche an diesem kühlen Frühlingsnachmittag. Die Aurelius Sängerknaben aus Calw unter der souveränen Leitung von Bernhard Kugler sowie Samuel Schick und Roland Götz an den Orgeln interpretierten intensiv Renaissance-Musik aus dem Kloster Irsee – unter anderem Kompositionen, die auf die Stunde genau vor 400 Jahren am selben Ort erklungen sein durften.

Wie berichtet, hat Götz, Experte für Alte Musik, unter anderem Kompositionen der Irseer Mönche Gregor Stemmele (gestorben 1619) und Carolus Andreae (gestorben 1627) aus den Archiven gehoben und in zeitgemäßer Form herausgegeben. Darunter Stücke zur Gestaltung der liturgischen Feiern enlässlich des Gedenktages des Ordensgründers Benedikt im Jahr 1614. Genau vier Jahrhunderte später brachten die sehr gut disponierten Sängerknaben (und -männer) nun diese qualitätvollen Kompositionen zu Gehör. So das Kyrie, das Offertorium und das Sanctus aus der Benediktmesse. In ihrer durchgehenden Sechsstimmigkeit sind diese Werke wohl raffiniert angelegt, lassen aber in keinem Moment Klarheit und die Konzentration auf das Wesentliche vermissen. Dies gilt auch für das “Te deum laudeamus” von Andreae, welches Elemente der Gregorianik mit der zeitgenössischen Musik verbindet und für zwei Chöre zu je vier Stimmen angelegt ist. Spätestens angesichts dieser Konzeption drängte sich Bewunderung für die Musikalität der Irseer Benediktinermönche auf, deren Zahl selten zwei Dutzend überschritt. Zwar stand die heutige Barockkirche zur “Uraufführung” der Stemmele- und Andreae-Kompositionen noch nicht. Doch auch in deren Akustik vermittelten die Sänger und Musiker eine feierlich schwebende Atmosphäre – insbesondere beim abschließenden Hymnus “Vir vitae venerabilis” von Andreae. Selbst die an und für sich schlichten Wechselgesänge zur Vesper haben die musikalischen Mönche sehr ansprechend, aber nie überfrachtet ausgestaltet.

Zwischen den Messkompositionen spielten die Organisten mehrere Stücke aus der “Irseer Orgeltabulatur” von 1590, einer Notensammlung zeitgenössischer Orgelmusik, unter anderem von Johannes Eccard und Hans Leo Hassler, die ebenfalls im Kloster niedergeschrieben wurde. Mit der Verwendung von historisch orientierten Truhenorgeln, deren Blasebalge zum Teil von Hand bedient werden mussten, sorgten Götz und Schick für einen ungewohnten, authentischen Klang. Dennoch schallte neben sakralem Ernst auch im wahrsten Sinne des Wortes zwitschernde Fröhlichkeit aus den Pfeifen.

Für dieses gleichermaßen musikhistorische und ästhetische Erlebnis gab es zurecht lang anhaltenden Applaus – auch wenn zumindest das die aktuelle Aufführung von der vor 400 Jahren unterschieden haben dürfte.

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