17.09.2014

Der Blick hinter den Vorhang

Allgäuer Zeitung / Kultur am Ort / 17. September 2014

VON LUCIA BUCH

Vorschau Das Festival “Tonspuren” 2015 soll Kunst und Politik verbinden

Unter dem Motto “Vorhang auf!” ließen Intendantin Dr. Martina Taubenberger und der federführende Komponist Marc Sinan eine interessierte Zuhörerschaft – darunter Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, der Kaufbeurer Oberbürgermeister Stefan Bosse sowie Vertreter von Sponsoren und Kooperationspartnern des Festivals – im Festsaal des Klosters Irsee einen Blick hinter die konzeptionellen Kulissen des “Tonspuren”-Festivals im kommenden April werfen. Das Festival wird vom 10. bis 12. April 2015 zum dritten Mal in Irsee ausgetragen, auch die etwa ein halbes Jahr vorher stattfindende Auftaktveranstaltung als Neugierde weckender “Appetithappen” hat schon eine gute Tradition.

Worum wird es im kommenden April gehen? Um die Erinnerung an den sich 2015 zum hundertsten Mal jährenden Genozid an den Armeniern auf türkischem Staatsgebiet, festgemacht am armenischen Komponisten-Mönch Komitas Vardapet. Der war im Alter von 66 Jahren 1935 schwer traumatisiert von den Verfolgungen gegenüber seiner Volksgruppe in der geschlossenen Psychiatrie gestorben und hinterließ unvollendete Werke, die im April 2015 in Irsee zur Aufführung gelangen werden. Damit haben die Organisatoren ein schwieriges, ernstes und nachdenkliches Thema im Grenzbereich von Kunst und Politik ausgewählt. Entsprechend wenig unterhaltsam, dafür dicht, inhaltlich herausfordernd, anrührend, bisweilen suggestiv-bedrückend fielen die 90 Minuten Ausblick aufs kommende Jahr aus.

Kern der Auftaktvranstaltung war eine von Martina Taubenberger geleitete Diskussion zwischen Marc Sinan, der über deutsch-türkisch-armenische Wurzeln verfügt, und dem evangelischen, im Libanon aufgewachsenen Theologen Ischchan Tschiftdschijan, der neben seiner Promotion weitere bedeutende Publikationen zum Thema “Genozid an den Armeniern” vorgelegt hat. In dieser Funktion wird der Theologe auch die wissenschaftliche Beratung unter historischen Gesichtspunkten das Festival leiten, zumal er in seiner Familiengeschichte sowohl Flucht und Vertreibung, als auch Rettung durch türkischstämmige Türken erlebt hat.

Vernichtung und Schweigen

Zur Sprache kamen dabei die Orte der Vertreibung oder Vernichtung der Armenier in Anatolien: Immer geht es um nicht mehr zum ursprünglichen Zweck genutzte kirchliche Räume, um Gewalt gegen Menschen, Euthanasie, ethnische “Säuberungen”, um die Verschleierung und das Übertünchen des Geschehenen und Gewesenen durch Farbe oder aber leugnende, verschweigendeSprachregelungen oder im Gegenteil, die scheinbare Offenheit des Darüber-Redens, die es auch gibt. Und zweifellos beunruhigt, dass es Anknüpfungspunkte zwischen der Geschichte der Armenier und der in Irsee gibt – als dort in der Kreis- und Irrenanstalt während der Euthanasie im Nationalsozialismus Menschen ermordet wurden, deren Geschichte auch aus dem Schweigen geholt werden musste. Sinnlich erfahrbar gemacht wurde dies künstlerisch mehrgleisig am Sonntagabend. Der Gitarrist Marc Sinan und Oguz Büyükberger (Bassklarinette) als zwei der Musiker, die auch im April 2015 das Festival musikalisch mitgestalten werden, umrahmten die Diskussion mit einem unter die Haut gehenden, bisweilen aufblühenden Free-Jazz-Tongewebe mit zahlreichen Spezialeffekten, darunter eingeflochtenen Komitas-Sprachdokumenten im Mehrspurverfahren. Unterlegt wurden die Klangeindrücke von einer Video-Einspielung: Die armenischstämmige Schauspielerin Sesede Terziyan, Ensemblemitglied des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, wandelt oder stolpert fast scheinbar ziellos und verstört durch die Weite des türkisch-armenischen Grenzgebiets und symbolisiert damit optisch geradezu schmerzhaft erfahrbar Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit.

Idee und Programm

Neben unterschiedlich konzipierten Konzerten wird das “Tonspuren”-Festival wieder von diversen Angeboten wie Diskussionen, Workshops oder Projektarbeit für alle Altersgruppen vom Schulkind bis zu den Senioren geprägt sein. Der Vorverkauf von Festivalpässen und Gutscheinen hat begonnen.

Freitag, 10. April 2015, 21 Uhr: Festivaleröffnung.
Samstag, 11. April 2015, 11 Uhr: Tonspuren im Dialog – Podiumsdiskussion.
15 Uhr: Spurenelemente – kammermusikalische Miniaturen in wechselnden Besetzungen. 21 Uhr: Loungekonzert.
Sonntag, 12. April 2015, 10 Uhr: Familienbrunch – “All you can eat”. Ausdrücklich willkommen: Kinder jeden Alters. 14 Uhr: Kinderspuren. 16 Uhr: Spurensuche. 20 Uhr: Tonspuren Finale.

www.tonspuren.de

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